Autorin: Whitesekhmet
Vermeintliche Konkurrenz
Sam drehte das Glas in ihren Händen. Das Eis klirrte leise, dumpf, wie ein Herzschlag im Takt ihrer wirbelnden Gedanken. Vor wenigen Wochen erst hatte man sie aus dieser Klinik entlassen, nach fast fünfzehn Jahren. Krank, hatte man sie genannt. Eine ehemalige Blutmalerin. Rot, überall rot. Ihre Haare, ihre Kleidung, zu Hause ihre Möbel. Man sagte, das Rot würde ihr helfen nicht rückfällig zu werden. Vielleicht tat es das. Ja, Sam hatte mit Blut gemalt. Doch solange diese Geschichte ihrer Vergangenheit nicht über ihre Lippen kam, solange es unausgesprochen blieb, war sie sicher. Zumindest redete sie sich das ein. Jetzt hatte sie ein Leben, Arbeit in einer Bar. Es war aber ein Anfang. Eine Fassade, die sie„normal“ nannte. Aber sie war nicht darauf vorbereitet worden. Und doch, erklärten sie sie für geheilt. Auch, wenn sie ihre plötzliche Entlassung immer wieder hinterfragte. Heute hatte sie ein Vorstellungsgespräch gehabt. Ein gutes, hieß es.
Sam wippte nervös mit den Füßen an der Fußstütze des Hockers. Elise, die Barkeeperin, stand vor ihr. Sie hatte blonde Haare, trug Kleidung im Stil der Siebziger, passend zur Bar. Für Sam war es, als würde man eine Zeitreise machen, jedes Mal, wenn sie die Bar betrat. Sie zwang sich, ihre Füße zu beruhigen, stellte sie nebeneinander auf dem Boden ab und sah Elise an, die sich gerade zu ihr vorgebeugt hatte.
„Hey, Kleines. Willst du mir nicht mal sagen, was mit dir los ist? Du bist heute so still.“
Sam hob ihren Blick. Das Gesicht vor ihr wirkte freundlich. Doch hinter der Fürsorge lag etwas, das sie nicht einordnen konnte. „Mmm ja… ich äh… hab vielleicht bald ’nen Job. Also, einen großen. Damit ich mir halt mein Leben weiter aufbauen kann. “Ihre Stimme brach leicht, und sie spülte die Worte mit dem letzten Schluck aus dem Glas herunter.
„Oh, du willst also Schluss mit mir machen?“ Elise lachte leise. „Wo denn?“
Das Glas landete hart auf der Theke. Der Ton hallte in Sams Kopf nach. „Na da, wo du meintest, dass ich mich bewerben sollte. Vor ein paar Tagen.“ Wieder griff sie nach dem Glas, obwohl es längst leer war. Ihre Finger klammerten sich an den Rand, als könnte er sie festhalten.
„Meinst du nicht, dass du weniger trinken solltest? Erst recht unter der Woche! Wenn du da wirklich anfangen kannst, wäre das ein großer Schritt für dich. Nach allem, was dir passiert ist.“ Elise lächelte sanft, fast mütterlich.
Sam beugte sich nach vorne. „Woher zur Hölle kennst du die Frau, die diese Firma da leitet?“ Ihr Flüstern klang schärfer, als es sollte. Sie wirbelte herum, zeigte auf das dunkle Fenster neben der Eingangstür der Bar. Der Regen zerschlug jede klare Sicht. Nur das kalte, flackernde Licht der Barreklame draußen brach die Schwärze, spiegelte sich in den Pfützen wie Blut in einer Wasserschale.
Elises Lächeln erstarrte. Kurz folgte sie Sams Fingerzeig und griff nach ihrem Geschirrhandtuch, welches sie stets über ihre Schulter trug. Vor allem, wenn sie hinter der Theke stand. „Warum fragst du so komisch? Sie ist die Chefin der größten Firma der Stadt, und ich bin Besitzerin einer bekannten Bar. Das beantwortet sich wohl von selbst, hm?“ Die Unsicherheit verflog. Ihre Arme verschränkten sich, als wären sie eine Barrikade.
„Aha? Und du arbeitest für sie? Undercover?“ Sams Worte waren keine normale Frage, sondern mit Misstrauen versehen. So eine große Stadt und dann dieser Zufall? Nein, kein Zufall!
„Sei nicht albern, Sammy! Ich kenne sie nur von früher. Sie war auch mal hier, aber hatte nie so einen Durst, wie du.“ Elise kicherte leise. „Wie kommst du denn darauf, dass ich für sie arbeiten würde? Wir haben uns viel unterhalten und sie sucht schon seit Jahren neue Mitarbeiter.“
Sam glaubte trotzdem, einen Hauch von Zweifel darin zu hören. „Nun, es ist dieselbe Frau, die mich aus der Klinik abgeholt und mir die Schlüssel zu einer Wohnung gegeben hat! Einfach so!“, zischte Sam.
„Was? Du spinnst doch! Hast du nicht gesagt, es war eine Mitarbeiterin der Klinik, die deine Entlassung geregelt hat?“
Sam kratzte sich nervös an den Händen – diese alte, widerliche Angewohnheit. Rötliche Spuren zeichneten sich auf der Haut ab, ein seltsames Gefühl aus Abscheu und heimlicher Befriedigung begleitete jeden Kratzer. „Ja. Das war ja auch das, was man mir erzählt hat. Aber sie wirkte überrascht mich, zu sehen. Kurz. Dann tat sie plötzlich so, als würde sie mich schon lange kennen.“ Sam schluckte. „Und sie meinte beim Vorstellungsgespräch, ich hätte den Job sicher. Dabei hab ich nicht mal eine Ausbildung. Wegen… na ja… der Klinik.“
Elise sah sie ungläubig an. „Dolores van Raven ist eine einflussreiche, wohltätige Frau. Ihre Vorfahren haben Greyford sehr viel Gutes getan, durch sie war der Aufbau der Stadt erst möglich, die Wirtschaft florierte. Aber dass Dolores etwas mit deiner Klinik zu tun hätte, ist mir nicht bekannt.“ Elise schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nicht. Findest du das nicht auch merkwürdig? Ich sollte sie fragen …“ Sam dachte nach.
„Liebes, vielleicht übertreibst du. Du solltest ihr dankbar sein. Du hast immerhin ein Dach über dem Kopf und vielleicht einen bald richtigen Job. Ich werde dich zwar vermissen, aber das ist nicht schlimm. Du kommst mich bestimmt besuchen, oder?“ Elise wirkte besorgt und das bestimmt nicht wegen Sams möglichem Fehlen.
„Ich warte erst mal ab. Zur Not kann ich ja wieder hier arbeiten.“ Sam wurde kleinlaut, doch sie hoffte auch auf einen Anker.
„Aber hallo! Du bist quasi mein Aushängeschild. Zumindest für dein Lieblingsgetränk: Bloody Mary. Was, wie ich finde, sehr klischeehaft ist, nicht wahr?“ Elise kicherte.
Doch in Sam zog sich alles zusammen. Sie erstarrte und fühlte sich ertappt. Hatte ihre Vergangenheit sie doch eingeholt? Wusste Elise mehr darüber, als sie zugab? „W-wie m-meinst du das?“ Sam stotterte und suchte hektisch nach Bestätigung.
„Na ja, du bist jeden Tag komplett in Rot gekleidet!“ Elise lachte herzlich. „Dummerchen.“ Sie hob fragend die Brauen. „Also, willst du eine? Oder vertreibst du mir wieder meine weiblichen Gäste?“
„Hey, ich hab mit der einen nur geflirtet! Erst mal nur ’n Bier. Danach vielleicht… “
„Verstanden. Kommt sofort“ Elise schmunzelte, zapfte das Bier und stellte vor Sam ab.
Ein kurzes, musikalisches Klirren ließ beide automatisch zur Tür blicken. Eine junge Frau kam herein. Verunsichert, durchnässt und mit verlorenem Blick. Sie steuerte zielstrebig auf die Theke, auf den einzigen freien Hocker zu, der ausgerechnet neben Sam stand.
„Ein neues Gesicht, sehr schön.“ Elise lächelte freundlich. „Mein Name ist Elise, mir gehört der Laden, zusammen mit meinem Mann. Wie kann ich dir den Abend versüßen?“ Neugierig musterte sie die junge Frau.
„Ich äh… bin Amanda. Und ich suche einen Job?“
Sams Augen verengten sich. Wie unsicher konnte ein Mensch sein? Misstrauisch beobachtete sie die Neue aus dem Augenwinkel.
„Hm, verzweifelt, nicht wahr? Ich kann es an deinem Auftreten sehen.“ Elise nickte langsam. „Nun, ich könnte durchaus eine Kellnerin gebrauchen. Dann habe ich hier vorne mehr Zeit für meine Stammgäste.“
Sam wusste, dass Elise immer ein gutes Herz hatte. Aber war ihr eigener Job nun in Gefahr? Was, wenn sie die Stelle in der Firma doch nicht bekommen würde?
„Vor-vorübergehend! Ich muss… ich muss mir ein Leben aufbauen. Ja, ich will den Job. Dringend! Ich… ich…“ Amanda stammelte nervös.
Sam musterte sie von Kopf bis Fuß. Etwa in ihrem Alter, schwarze Haare, nass, sie klebten am Gesicht. Und diese silbergrauen Augen, die sofort fesselten. Besonders, als Amanda sie verunsichert ansah.
„Ist in Ordnung, Kleines“, sagte Elise und nickte Sam zu. „Ich hab zwar schon eine Aushilfe, aber sie kann zur Abwechslung auch mal die Gläser spülen, die sie leert. Nicht wahr?“ Sie zwinkerte Amanda zu. „Ich mach dir was feines zu Trinken. Danach reden wir über das Geschäftliche. Was darfs denn sein?“
Sam lächelte und beugte sich zu Amanda. „Keine Sorge, Hübsche. Ich hab Feierabend. Das hier gönn ich mir noch und morgen… morgen zeige ich dir alles.“ Sie grinste schief. „Wirklich alles.“
Amandas Blick wirkte kurz verstört, dann wandte sie sich wieder an Elise. „Gern. Ich nehme das Angebot an.“ Sie schien kurz nachzudenken. „ Allerdings nehme ich erst mal nur ein Wasser, bitte.“
Sam beobachtete, wie Elise Amanda das Wasser hinstellte. Amanda ging zu einem der Stehtische und verschaffte sich von dort einen Überblick.
„Hey, vergraul die Kleine bitte nicht. Sie scheint eine harte Zeit zu haben“ , flüsterte Elise Sam zu.
„Du hast ihr gerade meinen Job gegeben. Natürlich will ich wissen, wer meinen Ruf ruiniert“, scherzte Sam. „Und woher willst du das wissen?“
„Für dich ist immer Platz, das weißt du.“ Elise lächelte schwach.“ Bei der Kleinen hab ich einfach so ein Gefühl. Außerdem habe ich Augen, Samantha. Hast du ihr Auto gesehen? Es steht direkt vor der Bar. Vollgepackt.“ Elise warf einen kurzen Blick nach draußen. „Sie sucht einen Neuanfang. Sei nicht so hart zu ihr, ja? Übernimm bitte kurz die Bar. Ich rede mal mit ihr.“
Sam sah hinaus zum Auto, das vom Reklamelicht angeleuchtet wurde. Tatsächlich. Als wäre das Auto die Wohnung der Neuen. Doch nicht wirklich, oder?
Sie nickte Elise zu, leerte ihr Glas und ging hinter die Bar. Während sie ihr Glas spülte, warf sie einen Blick zu Amanda, die Sam ebenso aufmerksam musterte, sogar während des Gesprächs mit Elise. Sam wurde das Gefühl nicht los, dass hinter dieser Frau mehr steckte, als nur Verzweiflung und der Wunsch nach einem Neuanfang. Etwas an ihr kam ihr vertraut vor. Doch sie konnte nicht greifen, was es war. Noch nicht.

