Autorin: Whitesekhmet
Ein neues Kapitel
Amanda seufzte, wieder keine Zusage. Sie brauchte dringend einen Job, eine Perspektive, einen Ausweg. Doch erneut kam sie mit leeren Händen nach Hause. Sie zog ihren Schlüssel aus dem Zündschloss, schnallte sich ab. Ein letztes Mal betrachtete sie sich im Spiegel. Ihre schwarzen Haare fielen ihr ins Gesicht und ihre silbergrauen Augen waren gerötet. Sichtbare Zeichen von Stress und schlaflosen Nächten. Wie lange schon? Einige Monate, dachte sie.
Sie stieg aus dem Auto und ließ die Tür laut ins Schloss fallen. Der Wind ließ die Bäume am Waldrand leise rascheln. Ein Geräusch, das sie sonst beruhigte, doch heute spürte sie keine Ruhe. Noch nicht. Der Gedanke an zuhause schnürte ihr den Bauch zusammen. Ihr Vater wartete auf Antworten, und die ewige Fragerei nach einem Erfolg bei der Jobsuche nagten an ihr. Er war die letzte Familie, die ihr blieb, seit ihre Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Die Großeltern hatten den Kontakt abgebrochen. Anrufe und Briefe blieben unbeantwortet. Amanda hatte es aufgegeben.
Sie war es leid. Fast täglich stritten ihr Vater und sie um das gleiche Thema. Die kleine Firma am Stadtrand, wo sie ihre Ausbildung gemacht hatte, wollte sie nicht übernehmen. Und jetzt hatte sie von den bisherigen Firmen entweder Absagen oder gesagt bekommen, dass sie sich melden würden. War sie wirklich so durchschnittlich? Wieso sollte man sie einstellen?
Die Schritte über den Hof wurden schwerer, je näher sie dem Haus kam. Gedanken an all die vergangenen Monate drängten sich auf. Heute würde ihr Vater wieder Fragen stellen, sie würde antworten müssen. Wollte sie das? Nein. Sie konnte das nicht mehr.
Mit klopfenden Herzen öffnete sie die Tür. Ein kurzer Blick zu ihrem Auto spendierte ihr ein Gefühl der Sicherheit. Ihr eigenes Auto gab ihr mehr Schutz als ihr Zuhause. Absurd, dachte sie. Aber sie kannte die Wahrheit. Warum eigentlich nicht? Sie hatte ja eh keine Freunde, sonst wäre sie längst da. Zumindest temporär wäre das Auto sicher eine Alternative! Oder schnappte sie nun vollkommen über? Verzweiflung ... ja ... Das war es.
Sie horchte. Ihr Vater war wahrscheinlich im Wohnzimmer oder Schlafzimmer. Oft wirkte er verwahrlost. Er achtete nicht wirklich auf sich. Amanda hatte ihn aufgefordert, Hilfe zu suchen. Doch er wurde immer wütend, und die Gespräche endeten jedes einzelne Mal in Streit und unendlich langen Monologen, in denen sie keine Chance hatte.
Sie atmete tief ein. Er würde auf sie zukommen, jetzt oder später. Für ihn war es egal. Für sie nicht. Sie wollte es hinter sich bringen. „Papa? Bin wieder da!“ Ihre Stimme klang schwach. Ein unsichtbares Band schnürte ihr die Kehle zu. Sie wollte einfach nur noch Ruhe. Aber gab es die? War Reden die Lösung? Oder doch das Ausweichen? Alles schien eine endlose Schleife zu sein.
Es kam keine Antwort. Amanda stellte ihre Tasche im Flur ab und betrat das Wohnzimmer. Dort lag ihr Vater, schlafend, halb zugedeckt auf dem Sofa. Ein altes abgegriffenes Buch lag auf seiner Brust. Eine Geschichte über fremde Galaxien. Seine Flucht aus der Realität. Amanda seufzte leise. Wie oft hatte sie ihn so gesehen? Abwesend. Eingekapselt. Seit dem Unfall lebten sie beide in verschiedenen Welten. Ihre Mutter war tot und nichts war mehr wie zuvor.
Auf einer Kommode neben dem Sofa stand ein eingerahmtes Foto ihrer Mutter, versehen mit einem schwarzen Band. Ein Bild, das ihr Vater einst geschossen hatte. Er war stolz gewesen auf seine Kamera, die niemand anfassen durfte, außer ihm selbst. Er hatte sogar extra seinen Namen Thomas darauf versehen.
Amanda starrte das Bild an, ließ sich von den Erinnerungen einholen. Ihre Mutter war der warme, farbenfrohe Teil dieser Familie gewesen, wo jetzt nur noch eine Leere herrschte.
„Ah, sind wir auch mal wieder da?“ Die raue Stimme ihres Vaters riss Amanda aus den Gedanken. Er war wach. Sie erstarrte, ihr Körper spannte sich an, als wäre sie in eine Falle getreten. „Hast du wenigstens was erreichen können?“, fragte er und legte das Buch beiseite.
„I-ich hab bei ein paar Firmen angefragt, aber die wollen mir erst in den nächsten Tagen Bescheid geben.“ Sie murmelte und bemühte sich, ruhig zu bleiben. Gleich würde er wieder laut werden, so viel war sicher.
Sein Blick verfinsterte sich. „Das sagen die doch immer! Amanda, bitte! Lass es nicht weiter schleifen. Wir brauchen das Geld!“
Sie spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog. Schon wieder. Schon wieder Vorwürfe. Schon wieder Schuld. „Ich lasse doch gar nichts schleifen! Ich will doch arbeiten, endlich was eigenes verdienen!“
Er stand auf und trat näher. „Oh doch! Ich lauf dir seit Jahren hinterher! Andere in deinem Alter sind längst weiter!“
„Andere haben auch Eltern, die sie unterstützen und nicht klein machen!“ Amandas Stimme klang härter, als erwartet, und sie erschrak über ihren eigenen Tonfall. Jetzt war es raus, doch war es zu viel?
Sein Blick wurde starr. Dann schoss es aus ihm heraus. „Seit dem Unfall geht alles bergab. Selbst du! Evelyn wäre enttäuscht von dir!“
„Lass Mama da raus!“ Ihre Stimme zitterte, und sie hasste es, dass er es hören konnte.
Ein flüchtiges Bild ihrer Mutter flackerte auf, dann verschwand es und wurde durch sein zorniges Gesicht ersetzt.
„Wegen dir ist sie tot! Wärst du damals mitgefahren, wäre das alles nicht passiert!“ Sein Zeigefinger drückte hart und zitternd gegen ihr Schlüsselbein. Amanda rang um Fassung. Bilder aus Erinnerungen an ihre Mutter überschlugen sich in ihrem Kopf, während ihre Tränen über ihr Gesicht liefen.
„Ich wünschte, ich wäre an ihrer Stelle gewesen…“ Er schüttelte den Kopf.
Erst schockierte Amanda diese Aussage. Doch dann fiel ihr etwas ein. Ein Detail, welches sie verdrängt hatte. Ein sehr wichtiges. „Warum hast du sie überhaupt fahren lassen? Du wusstest doch, wie es ihr ging! Wieso hast du nicht besser aufgepasst, wenn sie so instabil war, wie du immer behauptet hattest? Ich glaube nicht, dass mein Mitfahren da etwas geändert hätte! Vielleicht wäre ich mit ihr gestorben und du wärst jetzt ganz allein.“
Er verstummte, wenn auch nur kurz. Sah sie an mit seinen nachdenklichen Augen. „Es ist, wie es ist“, sagte er schließlich. „Du musst lernen, damit umzugehen.“
„Ich versuche es! Aber wieso tust du es nicht?“ Amanda verstand ihn nicht. Wieso kam er jetzt mit dieser Aussage? Dann sah sie, wie seine Stirn sich runzelte. Hatte er es nun doch verstanden? Oder war es Reue? „Du trauerst ihr seit Jahren hinterher. Ich auch! Aber ich mache dich nicht verantwortlich! Weißt du eigentlich, wie es mir geht? Mit alledem? Wann ich das letzte Mal richtig geschlafen habe, ohne am Fenster zu sitzen und sie in den Sternen zu suchen?“ Sie holte tief Luft, kämpfte mit dem Kloß in ihrem Hals. „Ich wünschte, ich wäre mitgefahren, ja! Vielleicht hätte ich sie beruhigen können. Vielleicht wären wir beide gestorben!“
Es wurde still, nur ihr schwerer Atem war zu hören. Ihr Vater riss die Augen weit auf, starrte sie ungläubig an. „Amanda … bist du von Sinnen?“
„Nein, aber du bist es! In deinen Augen habe ich sie getötet! Ich war immer die Last, die sie auf ihren Schultern trug. Die Sorge, die ihr den Schlaf und die Ruhe raubte! Ich habs nie geschafft, genug zu sein. Für dich. Nie!“ Sie stampfte auf, wütend, verletzt und gebrochen. Tränen überfluteten ihr Gesicht. Sie sah, wie ihr Vater gerade etwas sagen wollte, doch sie war schneller. „Ich bin nicht dein Sündenbock! Du hast sie fahren lassen! Du hast sie verdammt nochmal fahren lassen!“
Er ballte die Fäuste, doch diesmal nicht aus Wut. Verzweiflung spiegelte sich in seinem Blick. „Sie wollte fahren! Sie meinte, es würde sie aufmuntern. Ihr ging es doch besser …“
„Nein! Ihr ging es nicht besser!“ Amanda schrie fast. „Warum musste sie mich dreimal fragen, ob ich mitkomme? Warum hast du nicht nachgehakt? Sie war doch in Therapie! Und du hast sie fahren lassen!“ Ihr Atem ging stoßweise, ihre Stimme brannte. Dann lief sie einfach weg. Rannte aus dem Wohnzimmer, die Treppe hoch, knallte ihre Zimmertür hinter sich zu und warf sich auf ihr Bett. Sie war leer. Ausgebrannt. Alles war gesagt. Endlich!
Unten blieb es still. Kein Schrei, kein Knall. Nur ihr Herz, das hämmerte, als wolle es den ganzen Schmerz aus ihr heraus prügeln.
In ihrem Zimmer trat Stille ein. Morgen würde wieder ein solcher Tag sein, das wusste sie. Weil jeder Tag so war. Aber sie konnte nicht mehr. Sie durfte nicht mehr. Ihre Seele konnte sich keine weitere Runde dieses zerstörerischen Tanzes leisten.
Sie stand auf, blickte zum Kleiderschrank. Oben lag ein Koffer. Wie oft hatte sie überlegt, ihn zu packen? Sie schüttelte den Kopf. Unzählige Male hatte sie vor ihm gestanden, vor ihrem inneren Auge gesehen, wie er sich füllte. Doch sie hatte es nie getan. Heute war der Moment. Etwas Geld hatte sie auch noch. Die absurde Idee mit dem Auto war gar nicht mehr so absurd. Es war Zeit, das zu tun, was längst überfällig war. Es war Zeit zu gehen.
Es war mittlerweile spät am Abend. Amanda stieg aus dem Wagen, atmete tief ein. Sie hatte vor einer Bar in Greyford geparkt. Diese Bar hatte einen besonders guten Ruf, wenn es um Kontakte und Möglichkeiten ging. Menschen kamen hierher, um sich zu vernetzen, nicht nur, um zu trinken. Man sagte, man könnte dort mehr finden als nur Alkohol, vielleicht sogar einen Neuanfang.
Es regnete. Sie mochte den Geruch von Regen, doch jetzt roch er nach Asphalt, Rauch und Dingen, die sie nicht benennen konnte. Sie hatte die Innenstadt noch nie gemocht, besonders nicht diesen Teil in der Neustadt. Laut, überfüllt, aufdringlich. Besonders abends. Doch heute war nicht der Tag für Ausflüchte. Sie hatte keinen Job und kein festes Zuhause. Der Rücksitz, der zu vollgestopft war, zog ihren Blick auf sich, Verzweiflung, die sich breit machte. Sie prüfte den Akkustand ihres Handys, weil sie nicht wusste, wann und wo sie es das nächste mal aufladen konnte. Sie war nervös, atmete tief durch, weil diese Bar ihre letzte Hoffnung war. Wenn das schiefginge, war sie in Schwierigkeiten oder sie musste zurück zu ihrem Vater. Ihr gingen tausend Gedanken durch den Kopf und sie musste sich richtig überwinden, überhaupt aus diesem Auto auszusteigen.
Mit zögernden Schritten näherte sie sich dem Eingang. Gelächter, klirrende Gläser, Musik, die durch die Türen vibrierte. Sie wollte nie hier sein, doch es ging nicht anders. Der Lichtschein des Schriftzugs spiegelte sich auf dem nassen Pflaster, was Amanda kurz ablenkte, doch nun hielt sie wieder einen Türknauf in der Hand, einer Tür zu einem neuen Leben?
Die Wärme der Bar schlug ihr entgegen wie eine Wand. Stimmgewirr, das dicht wie der Rauch in der Luft hing. Der Geruch von Alkohol, Parfum und noch etwas, was sie nicht identifizieren konnte. Amanda sortierte ihre nassen Haare und sah sich um. Keiner beachtete sie.
Sie lief direkt zur Theke auf den letzten freien Hocker zu und setzte sich. Sie versuchte, die Personen um sie herum zu ignorieren, und fokussierte sich auf die Frau vor sich. Die Barkeeperin, die sie sofort bemerkte. Sie war im mittleren Alter, gekleidet wie aus den 70gern mit einer hochgesteckten Frisur, goldenem Lidschatten und einem Outfit, das irgendwo zwischen Retro und Respektlosigkeit pendelte. Eine Frau die hier nicht perfekter reinpassen würde. Amanda fühlte sich bei ihren Blicken unwohl, und gleichzeitig wirkte sie seltsam vertraut. Nicht aufdringlich oder urteilend, sondern wie jemand, der Menschen sofort durchschaute und trotzdem freundlich blieb. In ihrem Blick lag etwas Ruhiges, fast Mütterliches, das Amanda unerwartet die Anspannung nahm. Für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, dass diese Frau ihr zuhören würde, ohne sie auszulachen oder fortzuschicken.
„Ein neues Gesicht, sehr schön. Mein Name ist Elise, mir gehört der Laden, zusammen mit meinem Mann. Wie kann ich dir den Abend versüßen?“ Ihr Lächeln war fast hypnotisierend, doch Amanda war aus einem Grund hier. Sie brauchte Hilfe.
„Ich äh … bin Amanda, und ich suche einen Job?“ Mensch! Das hatte sie doch auch schon mal besser hinbekommen. In den Firmen, wo sie die letzten Wochen war, ging es einwandfrei und hier?
„Hm, verzweifelt, nicht wahr? Ich kann es an deinem Auftreten sehen. Nun, ich kann durchaus eine Kellnerin gebrauchen. Dann habe ich hier vorne mehr Zeit für meine Stammgäste.“ Die Frau schmunzelte liebevoll. Moment! Sie suchte wirklich jemanden? Sie hatte eine freie Stelle?
„Vor-vorübergehend! Ich muss … ich muss mir ein Leben aufbauen.“ Was faselst du da? Mensch Amanda! Willst du den Job oder nicht? Ihre Gedanken ermahnten sie. „Ja ich will den Job. Dringend! Ich … ich …“ Wieder brannten ihre Augen.
Die Person rechts von ihr drehte sich zu ihr um. Eine Frau, ungefähr in ihrem Alter, musterte sie mit schiefem Lächeln und einem halb geleerten Glas irgendetwas in der Hand. Alles an ihr war rot. Die Haare, Kleidung, Lippen. Amanda spürte sofort, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief. Dieser Blick. Aufmerksam, prüfend und dabei seltsam ruhig.
„Ist in Ordnung, Kleines“, sagte Elise und nickte der Rothaarigen zu. „Ich hab zwar schon eine Aushilfe, aber sie kann zur Abwechslung auch mal die Gläser spülen, die sie leert. Nicht wahr?“ Sie zwinkerte Amanda zu. „Ich mach dir was feines zu Trinken. Danach reden wir über das Geschäftliche. Was darf’s sein?“
Amanda schluckte. Ihre Hände zitterten noch leicht. Dann sah sie wieder zu der rothaarigen Frau hinüber, die sich inzwischen ganz zu ihr gedreht hatte. Ihr Lächeln wirkte schief und müde, aber nicht böse.
„Keine Sorge, Hübsche“, sagte sie und hob ihr Glas leicht an. „Ich hab Feierabend. Das hier gönn ich mir noch und morgen… morgen zeige ich dir alles.“ Sie grinste kurz. „Wirklich alles.“
Amanda musste trotz der Anspannung leise ausatmen. Die Frau war eindeutig betrunken. Aber sie spielte nichts vor. Keine falsche Freundlichkeit, kein herablassender Blick. „Gern“, sagte Amanda schließlich leise. „Ich nehme das Angebot an.“ Zum ersten Mal seit langem fühlte sich der Lärm in ihrem Kopf leiser an.

